7.02 Uhr. Schon wach. Die Zeitumstellung im Verein mit dem heiter gestimmten Morgenhimmel bescheren mir ganz unerwartet ein leichtes Gefühl von Frühling. Es ist aber Ende Oktober, rufe ich mir in Erinnerung, vergiss das nicht. Ich denke kurz an den vergangenen Samstag, den spontanen Ausflug mit meinem Sohn Jules an die Mosel. Einzelne Erinnerungsfetzen ziehen an mir vorüber: Das improvisierte Frühstück an der Saar, während wir auf den Zug warten mussten. Knirschende Reifen auf unbefestigten Wegen zwischen bunten Weinbergen. Sonne und Wärme. Schwäne, die sich beim Füttern gegenseitig beißen. Federweißer und Zwiebelkuchen, auf einer Terrasse mitten im touristischen Gewimmel des vielleicht letzten warmen Tages des Jahres. Schweigen und schauen. Gespräche mit einem wachen Geist, tiefgreifend, weitreichend, allumfassend. Die schemenhaften Umrisse einer imposanten Burg in der Dämmerung, Zeugin von Macht, Reichtum, Gewalt. Das Dröhnen eines Bierzeltes, Männer in Lederhosen und Frauen im Dirndl.

Ich greife zum Handy, mechanisch, ohne nachzudenken. Warum tue ich mir das an, frage ich mich? Und warum gerade die Nachrichten-App der ARD? Die zeigt an diesem Morgen zu 90 % Demonstrationen, rund um den Erdball, der Rest sind Fußball und Wetter.

Ich starre aus dem Fenster, in den Morgenhimmel, versuche zu ergründen, warum mich all die Demonstrationen kalt lassen, ja mich nicht mal interessiert, wofür oder wogegen eigentlich demonstriert wird. Ein Gedanke taucht auf: Was wäre für die Herrschenden, Mächtigen, Reichen dieser Welt das Schlimmste, das Worst-Case-Szenario? Etwa Massendemonstrationen? Oder Revolutionen? Gar Umsturz, Machtwechsel von Regierungen? Haben sich die Reichen, Mächtigen, tatsächlich Herrschenden dieser Welt je von Massendemonstrationen, Revolutionen oder gar Umstürzen beunruhigen lassen? Haben sie es nicht immer schon verstanden, sich mit jeder Art von Regierung zu arrangieren? Was also wäre WIRKLICH beunruhigend, wirklich besorgniserregend, frage ich mich.

Ein ganz anderes Szenario taucht in mir auf. Ganz anders als diese uniformen, schon gar nicht mehr so spektakulären Bilder von Menschenmassen zwischen Häuserschluchten. Unspektakulär. Still. Nach innen gekehrt.

Was wäre, wenn sich die Massen, statt zu demonstrieren und ihrer Wut gegen „die da oben“ Ausdruck zu verleihen, zerstreuen würden, friedlich nach Hause gingen, jeder für sich, jeder zu sich, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen? Was wäre, wenn sie, vielleicht erst nach Tagen, Wochen, Monaten oder gar Jahren, dann erkennen würden, dass ihre Wut, ihr Ärger sich gar nicht nach außen richten, sondern auf sie selbst zeigen, auf etwas in sich selbst hinweisen? Was wäre, wenn sie den Hinweisen nachgingen und aufspüren, erkennen würden, was genau in ihnen, in ihrem eigenen Verhalten ihre Wut, ihren Ärger verursacht? Und was wäre, wenn sie dieses eigene Verhalten ändern würden, um so ihre Wut, ihren Ärger aufzulösen? Was wäre dann?

Solange Menschen in der Illusion verharren, sie würden an der Welt, den Anderen, deren Fehlverhalten leiden, solange gibt es für die Herrschenden, Mächtigen, Reichen dieser Welt keinen wirklichen Grund zu Besorgnis. Solange Menschen an der irrigen Vorstellung festhalten, ihr Unglück, ihr Leid werde verursacht vom Verhalten anderer, solange sie der Täuschung aufsitzen, die Lösung ihrer Leidensfrage sei „in Nachbars Garten“ vergraben, solange können sich die Herrschenden sicher sein, dass sich nichts ändert: Sollen sie doch an der falschen Stelle „buddeln“, sich verausgaben in ihren ohnmächtigen Versuchen, andere verändern zu wollen. Sollen sie doch Beziehungskriege führen gegen ihre Partner, das andere Geschlecht, Erziehungskriege führen gegen ihre Kinder oder Andersdenkende, sollen sie doch reale Kriege führen gegen ganze Nationen, Glaubensrichtungen, Ethnien. Und sollen sie doch demonstrieren, sich aufregen über die Mächtigen, Reichen, Herrschenden. Sollen sie doch in Gottes Namen Regierungen stürzen. Wichtig ist allein – und DAS soll mit aller Macht verhindert werden – , dass sie niemals zu der Erkenntnis kommen, wo „der Hund begraben“ liegt, tatsächlich begraben liegt: im eigenen Garten, in sich selbst.

Würden Menschen sich der wahren Ursache ihres Leides, ihres Unglückes, ihrer Wut bewusst werden, sie in ihrem eigenen Verhalten erkennen können, – das käme einem Paradigmawechsel im Denken gleich -,  würden sie den Ausweg finden aus ihrem Irrgarten, einem Leben in Leid und Ohnmacht.  Und sich ihrer Eigen-Macht bewusst werden. Der Macht, sich selbst ändern und sich selbst erlösen zu können von ihrem Leid, Unglück.

Dann würden sich die Dinge ändern. Und DANN wäre es tatsächlich besorgniserregend für die Herrschenden, Mächtigen, Reichen dieser Welt.

 

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