Ich mag das: eingehüllt in die neblige, verregnete Stille des Waldes, so ganz allein für mich zu sein. Im Wald habe ich mich noch nie wirklich einsam gefühlt, im Gegenteil. Es ist eher wie ein Heimkommen zu mir, jedes Mal, wenn ich den Wald betrete, ein tiefes Gefühl der Verbundenheit, ja Religiosität. Als ob meine Gene aufatmen würden. In der Geborgenheit des Waldes, umgeben von all den beruhigenden, bekannten Farben, Formen und Geräuschen, in Gesellschaft all dieser still-lebendigen, majestätischen Baumriesen, kann ich frei mit meinen Gedanken spielen, mich ganz meinem inneren Geschehen zuwenden. Beobachten, wie Gedanken kommen, gehen. Mich selbst sprechen, das aussprechen hören, was das Leben, die Natur mir zu erzählen hat.

Musik muss nicht virtuos sein, um schön zu sein. Oft sind es ganz einfache Melodien, Klangfarben, Flüsse monotoner, mantraartiger Töne, die unser Herz ergreifen, etwas in uns zum Klingen, zum Schwingen bringen, uns in Resonanz treten lassen.

Schöne, wirklich schöne Musik ist vor allem intim. Denn sie vermag unser Herz zu öffnen, verborgene Gefühle zu wecken. Das macht vielen Angst. Wenn ich in Cafés Klavier spiele, auf einer Parkbank oder in einer Fußgängerzone Akkordeon, erlebe ich immer wieder ambivalente Reaktionen. Menschen, die regelrecht zu erstarren scheinen und fast fluchtartig das Weite suchen, ohne überhaupt Notiz von mir zu nehmen. Und einge wenige, die ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen vermögen. Ich habe mich lange gefragt, warum das so ist, habe es anfangs auf mich, mein fehlendes Können bezogen, verständlicherweise. Mittlerweile weiß ich aber, dass ich schön zu spielen vermag, nicht besonders virtuos, aber schön, ergreifend, gefühlvoll – und damit in vielen Menschen eine Verlegenheit auslöse, ein Dilemma zwischen ihrem Herzen und ihrem Verstand. Ihr Herz fühlt sich ergriffen, möchte näher kommen, tanzen, mitsingen oder einfach nur lauschen. Und ihr Verstand scheint zu sagen: „Lass mich nur in Ruhe mit deiner verdammten Musik, am Ende weckst du noch mein Herz auf, weckst schlafende Hunde, die dann nicht mehr zu bellen aufhören.“ Nur wenige, meist Frauen oder Kinder, vermögen ihrem Gefühl auch in Worten Ausdruck zu verleihen, kommen näher und drücken durch Sätze wie z.B. „Bei der Musik geht mir das Herz auf!“ ihre Ergriffenheit aus.

Straßenmusik ist die vielleicht schonungsloseste, härteste Herausforderung für Musiker. Und gerade deshalb eine fast schon spirituelle Schulung.

 

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