Frei von Zeit

Selten, aber manchmal eben doch, blättere ich in alten Tagebüchern und finde schöne Dinge …

 

Samstag, 16.04.2016 / 06:30

Liege schon einige Zeit wach.

Ich mag diese Zeit des Übergangs, der Morgendämmerung: „Wäre schade, wenn ich jetzt wieder einschlafen würde!“, denke ich. Die Vögel erwachen. Wo waren all die vielen Vögel noch vor einigen Wochen? In meinem warmen, kuscheligen Bett kann ich den Tropfen zuhören, die am Fenster direkt neben meinem Bett aufs Fensterbrett tropfen. Und in Ruhe meinen Gedanken nachgehen.

Warum haben wir so wenig freie Zeit in unserer Freizeit? Es scheint heute so zu sein, dass wir trotz zunehmender Freizeit immer weniger frei verfügbare Zeit haben. Ich erinnere mich an ein Zitat, in dem es sinngemäß hieß, dass der Mangel an Zeit eine neue Form der Armut sei. Da bietet uns also die moderne Zivilisationsgesellschaft Freizeit in nie gekanntem Ausmaß – und wir scheinen vor dieser Freizeit geradezu zu fliehen, ja fast panisch auch die letzten Lücken in unserem Terminkalender zu füllen.

Einst hatten wir Zeit. Ich weiß nicht, wer sie uns genommen hat. Ich weiß nicht, wessen Sklaven wir sind.

(Max Frisch, 1983)

Kennt nicht jeder von uns die Erfahrung, dass wir jedes Gefühl von Zeit verlieren, wenn wir uns wirklich auf etwas einlassen, von ganzem Herzen, mit echter Begeisterung? Wenn das, was wir tun, mit dem übereinstimmt, was wir tatsächlich sind? Hat nicht jeder von uns in seiner Kindheit diese Erfahrung gemacht: dass beim Spielen alles vergessen wurde, die Zeit, das Essen, die Hausaufgaben …?

Ist „Zeit“ also ein Symptom? Wie Schmerzen oder Fieber?  Ein Symptom, was uns anzeigt und mitteilt: „Da stimmt was nicht! Da liegt eine Störung vor!“ ? Ein Symptom, was uns zurückmeldet, dass wir nicht mehr im Fluss sind? Leiden wir also unter dem Gefühl von Zeit? Und fliehen vor dem Leid, so wie wir vor allem Leid fliehen, was wir nicht verstehen? Versuchen wir nicht andauernd, uns die „Zeit zu vertreiben“? Ist also unser Mangel an Zeit im Grunde eine Flucht vor der Zeit? Eine Flucht vor dem Leid, welches mit dem Gefühl von Zeit einher geht?

Früher dachte ich immer, Ewigkeit sei etwas Jenseitiges. Ich glaube, ich fange heute an zu verstehen, dass Ewigkeit Abwesenheit von Zeit bedeutet, also Anzeichen dafür ist, dass ich JETZT und HIER, nicht irgendwann später im Jenseits, mit mir im Reinen – also im Fluss bin. Ein Kind, das spielt, von ganzem Herzen, ist also schon in der Ewigkeit. Und ist es dann nicht das größte Sakrileg, ein Kind in seinem Spiel zu stören? Es aus der „Ewigkeit“ zu reißen? Vielleicht ist die Vertreibung aus dem Paradies der Moment, wo für das Kind die Zeit beginnt …

2 Kommentare zu „Frei von Zeit“

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